Von Mensch zu Mensch

Von Mensch zu Mensch – zum Nachdenken

An jedem Montag veröffentlicht die Emsdettener Volkszeitung unter der Rubrik „Von Mensch zu Mensch“ einen Beitrag zum Nachdenken. Die Autorinnen und Autoren kommen im Wechsel aus der evangelischen und der katholischen Gemeinde. Hier zum Nachlesen der aktuelle Beitrag.

Nur ein Wort: Eigentlich

Mein Nachbar zieht gerade in seine Wohnung ein. Er hat einen Container bestellt, so kann alles, was er nicht mehr braucht, gleich entsorgt werden. Allein wird er den nicht voll bekommen. Sein Angebot: „Wenn du was hast, das wegkann, dann rein damit!“ Das ist gut. Schließlich bin ich schon zehn Jahre in Emsdetten und so manches lagert im Keller, was sich angesammelt hat oder was ich noch aus meiner letzten Wohnung mitgenommen habe. Eigentlich wollte ich da schon lange aufräumen.

Nur ein Wort: Eigentlich! Ich merke, wie verräterisch dieses Wort ist. Kaum ausgesprochen ist klar: Der Wille war da, an der Umsetzung hat es gefehlt. Auf die Suche nach Gründen zu gehen, ist müßig. Die sind vielschichtig: Bequemlichkeit gehört wohl dazu, fehlende Zeit und am Ende der Gedanke, dass es mich im Keller ja nicht stört. Das Ergebnis bleibt: Der Keller wartet noch immer darauf, entrümpelt zu werden.

Eigentlich! Mir geht durch den Kopf, dass es nicht immer so einfach ist wie beim Aufräumen. Was, wenn das Leben selbst mit all seinen Wünschen und Plänen, mit Träumen und allem, was ich mir vorgenommen habe, ernsthaft durchkreuzt wird, etwa durch eine Krankheit, Arbeitslosigkeit oder den Tod eines lieben Menschen, vielleicht durch die Ahnung, dass die Liebe zu einem Menschen nicht mehr da ist, oder durch tiefe innere und äußere Verletzungen, die mir zugefügt werden? Wie viele Menschen erleben das, können nur hilflos wahrnehmen, wie nicht mehr möglich ist, was doch eigentlich Platz im Leben haben sollte?

Wo kann ein Mensch dann Hilfe finden? Oder andersherum: Wenn ich das bei einem anderen Menschen wahrnehme, was kann ich dann tun? Bin ich nicht selbst hilflos? Eigentlich könnte ich doch wenigstens den anderen Menschen spüren lassen, dass ich ihn sehe und da sein will, um zuzuhören oder auch einfach nur die Hand zu halten und mit ihm zu schweigen. Gut, wenn ich bereit bin, das nicht nur eigentlich zu tun.

Es braucht Mut und Überwindung für den ersten Schritt. Aber es tut gut, zu spüren, dass ich auf diese Weise etwas bewirken und vielleicht auch verändern kann. Und vielleicht hilft mir ja der Gedanke, dass ich dabei nicht allein bin und mich das Wort Jesu begleitet: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt!“ Zu guter Letzt: In diesen Tagen enden die Ferien. Für viele Kinder und Jugendliche fängt ein neuer Lebensabschnitt an, in der Grundschule, auf der weiterführenden oder berufsbildenden Schule, in Ausbildung oder Studium. Eigentlich ist das doch ein guter Zeitpunkt, ihnen alles Gute und vor allem Gottes Segen zu wünschen. Eigentlich? Nein, ich tue das mit der Überzeugung, dass ich an die Nähe und Wegbegleitung Gottes und vieler Menschen für sie glaube.

Paul Greiwe
Pfarrer
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