Von Mensch zu Mensch

Von Mensch zu Mensch – zum Nachdenken

An jedem Montag veröffentlicht die Emsdettener Volkszeitung unter der Rubrik „Von Mensch zu Mensch“ einen Beitrag zum Nachdenken. Die Autorinnen und Autoren kommen im Wechsel aus der evangelischen und der katholischen Gemeinde. Hier zum Nachlesen der aktuelle Beitrag.

Zwischen den Einkaufswagen

Samstagvormittag im Supermarkt: Vor dem Gemüseregal treffen sich zwei Männer, die sich seit Jahren kennen. Vielleicht aus dem Sportverein, vielleicht vom Schützenfest, vielleicht wohnen sie einfach zwei Straßen weiter. Man kommt ins Gespräch. Erst über das Wetter. Dann über die Baustelle in der Innenstadt. Irgendwann fällt ein politisches Stichwort. Mehr braucht es nicht.

Plötzlich geht es nicht mehr um Tomaten oder Kartoffeln. Es geht um „die großen Themen“. Um Berlin. Um „die da oben“. Um das, was „man ja wohl noch sagen darf“. Die Stimmen werden etwas lauter. Nicht unfreundlich, aber härter. Nach zehn Minuten schieben beide ihre Einkaufswagen weiter. Überzeugt hat niemand den anderen. Dafür gehen beide mit dem erhabenen Gefühl nach Hause, Recht gehabt zu haben. Ich frage mich manchmal, ob das nicht eine ziemlich treffende Beschreibung unserer Zeit ist.

Wir reden viel. Wirklich viel. Podcasts, Talkshows, Kommentarspalten, Messenger-Gruppen: Ständig wird diskutiert. Und trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir uns immer seltener wirklich begegnen. Vielleicht, weil wir Gespräche inzwischen anders verstehen. Früher hatte ich den Eindruck, ein Gespräch sollte dabei helfen, gemeinsam klüger zu werden. Heute wirkt es oft wie ein Boxkampf, wie ein verbaler Schlagabtausch. Wer hat das bessere Argument? Wer kann den anderen vorführen? Wer findet den einen Satz, der alles entscheidet? Dabei gewinnt am Ende meistens nur das eigene Ego.

Es ist schon merkwürdig: Wir erwarten von Wissenschaftlern, dass sie ihre Erkenntnisse ändern, wenn neue Fakten auftauchen. Von Ärztinnen und Ärzten erwarten wir genau das Gleiche. Ein Handwerker, der seit vierzig Jahren alles macht wie immer und nie etwas Neues lernt, würde uns eher misstrauisch machen. Nur bei Meinungen scheint Veränderung verdächtig geworden zu sein.

Wer seine Sicht korrigiert, gilt schnell als unsicher. Wer sagt: „Da habe ich mich geirrt“, liefert manchen schon die nächste Schlagzeile. Dabei denke ich immer öfter: Vielleicht ist genau das ein Zeichen von Stärke. Es gehört Mut dazu, einen Satz zurückzunehmen. Mut, dem anderen wirklich zuzuhören. Mut, die Möglichkeit zuzulassen, dass die Welt komplizierter ist als die eigene Lieblingsmeinung.

Ich ertappe mich selbst oft dabei. Während der andere noch redet, formuliere ich innerlich längst meine Antwort. Ich höre nicht mehr zu. Ich warte nur darauf, endlich wieder dran zu sein. Das ist kein Zuhören, das ist Sendebetrieb und vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch. Und vielleicht liegt genau hier eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Nicht darin, die richtige Meinung zu haben. Sondern den Menschen hinter der Meinung nicht aus dem Blick zu verlieren.

Mich fasziniert, dass Jesus genau das konnte. Er hat Menschen getroffen, mit denen damals niemand freiwillig gesprochen hätte. Zöllner, andersglaubende Religiöse Gegner und Menschen mit zweifelhaftem Ruf. Er hatte klare Überzeugungen. Aber erstaunlich selten hatte er es eilig, Diskussionen zu gewinnen. Viel häufiger stellte er Fragen. Vielleicht, weil Fragen etwas schaffen, was Argumente oft nicht schaffen. Sie öffnen Türen.

Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft weniger unterschiedliche Meinungen braucht. Im Gegenteil: Demokratie lebt von unterschiedlichen Standpunkten und Überzeugungen. Aber vielleicht braucht sie mehr Menschen, die den Mut haben, einen Satz zu sagen, der heute fast schon revolutionär klingt: „Erzähl mal. Ich möchte verstehen, warum du das so siehst.“

Nicht jeder wird danach seine Meinung ändern, aber vielleicht verändert sich etwas Größeres: Der Ton. Und manchmal beginnt Frieden genau dort.

Jan-Niklas Hellmann aus der evangelischen Kirchengemeinde